Modellrechnung
Wenn die Rechnung nicht aufgeht: eine Modellrechnung ohne Happy End
Eine Modellrechnung, in der es schiefgeht: 179.000 Euro für 72 Quadratmeter, Faktor 27, hundert Prozent finanziert. Nach fünf Jahren fehlen 49.158,05 Euro Liquidität, dazu Sonderumlage, Leerstand und Vorfälligkeit. Beim Verkauf bleibt ein Minus von 71.058,07 Euro. Erfundenes Objekt, offene Annahmen, kein Renditeversprechen.
„Die Lage ist top, da kann nichts passieren“
Diesen Satz hört man bei jedem zweiten Objekt in einem guten Stadtteil. Er stimmt sogar meistens, was die Lage angeht. Nur rechnet eine Lage keine Rate ab.
Diese Seite zeigt dieselbe Sorgfalt wie die anderen Modellrechnungen, nur mit umgekehrtem Ergebnis. Denn eine Sammlung, in der jede Zahl am Ende stimmt, wäre eine Werbebroschüre.
Wichtig: Das ist eine Modellrechnung. Die Wohnung gibt es nicht, den Käufer gibt es nicht. Alle Annahmen stehen offen im Text. Es ist weder ein Versprechen noch eine Warnung vor einem bestimmten Markt.
Das Objekt im Modell
Eine Zweizimmerwohnung, 72 Quadratmeter, gepflegter Altbau in einem beliebten Essener Stadtteil, vergleichbar mit Essen-Rüttenscheid. Schöner Grundriss, Stuck, Balkon. Kaufpreis 179.000 Euro, also 2.486,11 Euro je Quadratmeter.
Vermietet ist sie seit vielen Jahren an dieselbe Mieterin. Kaltmiete 545 Euro, das sind 7,57 Euro je Quadratmeter. Für diesen Stadtteil ist das wenig. Genau daraus entsteht die Geschichte, die sich der Käufer erzählt: Da geht noch was.
Die ersten beiden Fehler: Preis und Finanzierung
Der Preis
Aus 179.000 Euro Kaufpreis und 6.540 Euro Jahreskaltmiete ergibt sich ein Kaufpreisfaktor von 27,37. Die Bruttomietrendite liegt bei 3,65 Prozent.
Zum Vergleich: Eine gewöhnliche Bestandswohnung im Ruhrgebiet liegt eher zwischen Faktor 17 und 22. Bei Faktor 20 hätte dieselbe Wohnung 130.800 Euro gekostet. Der Käufer zahlt also rund 48.000 Euro für ein Argument, das erst in der Zukunft eintreten soll.
Das ist keine Sünde. Es ist eine Wette. Und Wetten muss man sich leisten können.
Die Finanzierung
Das Eigenkapital reicht genau für die Kaufnebenkosten.
| Position | Betrag |
| Grunderwerbsteuer, 6,5 % | 11.635,00 € |
| Notar und Grundbuch, 2 % | 3.580,00 € |
| Maklerprovision, 3,57 % | 6.390,30 € |
| = Eigenkapital, vollständig verbraucht | 21.605,30 € |
| Darlehen, 100 % des Kaufpreises | 179.000,00 € |
Bei 4,2 Prozent Zins und nur 1,5 Prozent Anfangstilgung beträgt die Rate 850,25 Euro im Monat. Die niedrige Tilgung ist kein Zufall: Sie ist der einzige Weg, die Rate optisch klein zu halten. Warum das teuer wird, steht unter Finanzierung ohne Eigenkapital.
Der dritte Fehler: die Rechnung auf dem Bierdeckel
Der Käufer im Modell rechnet so: Miete 545 Euro minus Rate 850,25 Euro gleich 305,25 Euro Zuzahlung im Monat. „Das ist weniger als mein Auto.“ Damit unterschreibt er.
Die vollständige Rechnung sieht anders aus.
| Position | je Monat | je Jahr |
| Kaltmiete | 545,00 € | 6.540,00 € |
| − nicht umlagefähiges Hausgeld | −105,00 € | −1.260,00 € |
| − Mietausfallwagnis, 3 % | −16,35 € | −196,20 € |
| − Reserve Sondereigentum, 9 €/m² | −54,00 € | −648,00 € |
| = Überschuss vor Finanzierung | 369,65 € | 4.435,80 € |
| − Darlehensrate | −850,25 € | −10.203,00 € |
| = Cashflow vor Steuern | −480,60 € | −5.767,20 € |
| zum Vergleich: Bierdeckelrechnung | −305,25 € | −3.663,00 € |
| Unterschied | 175,35 € | 2.104,20 € |
175,35 Euro im Monat. Das ist der Preis dafür, drei Zeilen wegzulassen. Genau diese drei Zeilen fehlen in fast jedem Exposé und in fast jedem Video. Wie die vollständige Rechnung geht, steht unter Cashflow berechnen.
Modellrechnung mit frei gewählten Annahmen. Kein realer Fall, keine reale Person.
Fünf Jahre, Zeile für Zeile
Jetzt kommt das, womit niemand plant. Nichts davon ist außergewöhnlich. Jeder einzelne Punkt kommt in verwalteten Objekten regelmäßig vor.
Im dritten Jahr beschließt die Eigentümergemeinschaft die Dachsanierung. Die Erhaltungsrücklage reicht nicht. Anteil des Käufers an der Sonderumlage: 9.800 Euro. In den Protokollen der letzten Versammlungen stand das Thema bereits. Gelesen hat sie niemand.
Im vierten Jahr zieht die langjährige Mieterin aus. Die Wohnung ist im Originalzustand und steht fünf Monate leer. In dieser Zeit gibt es keine Miete, und das volle Hausgeld von 265 Euro läuft weiter. Jeder Leerstandsmonat kostet 1.169,25 Euro. Die Herrichtung vor der Neuvermietung kostet 7.200 Euro.
Ab dem fünften Jahr ist die Wohnung neu vermietet, für 575 Euro. Mehr gibt der Markt bei diesem Zustand nicht her. Gleichzeitig ist das Hausgeld auf 298 Euro gestiegen, weil die Gemeinschaft nach der Dachsanierung die Zuführung zur Rücklage erhöht hat.
| Jahr | Was passiert | Liquidität | kumuliert |
| 1 | läuft wie geplant | −5.767,20 € | −5.767,20 € |
| 2 | läuft wie geplant | −5.767,20 € | −11.534,40 € |
| 3 | Sonderumlage Dach | −15.567,20 € | −27.101,60 € |
| 4 | 5 Monate Leerstand, Herrichtung | −16.410,45 € | −43.512,05 € |
| 5 | neu vermietet, höheres Hausgeld | −5.646,00 € | −49.158,05 € |
In fünf Jahren sind 49.158,05 Euro aus dem privaten Konto in diese Wohnung geflossen. Getilgt wurden in derselben Zeit 14.909,79 Euro. Unterm Strich stehen minus 34.248,26 Euro, bevor irgendjemand über den Verkaufspreis gesprochen hat.
Der Ausstieg und was er kostet
Der Käufer will raus. Die Wohnung geht für 172.000 Euro weg, rund 4 Prozent unter dem Einkaufspreis. Das ist kein Crash, sondern ein normaler Verkauf ohne Zeitpuffer.
| Position | Betrag |
| Verkaufspreis | 172.000,00 € |
| − Restschuld nach fünf Jahren | −164.090,21 € |
| − Vorfälligkeitsentschädigung, rund 5 % | −8.204,51 € |
| = Erlös | −294,72 € |
| − eingesetztes Eigenkapital | −21.605,30 € |
| − Zuzahlung über fünf Jahre | −49.158,05 € |
| = Ergebnis | −71.058,07 € |
Dazu kommt: Innerhalb der Spekulationsfrist von zehn Jahren wäre ein Gewinn steuerpflichtig gewesen. Einen Verlust erkennt das Finanzamt in dieser Lage meist nicht an. Der Ausstieg ist also auch steuerlich der schlechteste Zeitpunkt.
Wäre Durchhalten besser gewesen?
Nicht automatisch. Bleibt der Käufer zehn Jahre, summiert sich die Zuzahlung auf 77.388,05 Euro, die Tilgung auf 33.296,93 Euro. Die Restschuld liegt dann bei 145.703,06 Euro.
Damit er bei null herauskommt, müsste die Wohnung nach zehn Jahren 244.696,41 Euro bringen. Das sind 3.398,56 Euro je Quadratmeter und ein Plus von 36,7 Prozent gegenüber dem Einkauf. Möglich ist das. Planbar ist es nicht.
Genau das ist der Kern des Fehlers: Die Rechnung funktioniert nur, wenn der Markt sie rettet.
Was den Fall gerettet hätte
Ein Erfahrungswert aus rund 4.000 verwalteten Einheiten: Objekte mit einer Miete deutlich unter dem ortsüblichen Niveau sind fast immer Objekte mit einem entsprechenden Innenzustand. Die günstige Miete und der Renovierungsstau sind meistens dieselbe Sache, nur aus zwei Richtungen betrachtet.
Fazit
Kein einzelner Punkt in dieser Modellrechnung ist dramatisch. Ein hoher Faktor kommt vor. Eine Sonderumlage kommt vor. Ein Leerstand kommt vor. Zusammen ergeben sie ein Minus von 71.058,07 Euro.
Das ist der Unterschied zwischen Pech und Muster. Wer alle drei Dinge vorher prüft, kauft nicht sicher. Aber er kauft mit offenen Augen und mit Geld in der Reserve.
Die wichtigste Zahl dieser Seite ist nicht der Verlust. Es sind die 175,35 Euro im Monat, die allein dadurch entstehen, dass drei Zeilen in der Rechnung fehlen. Wie eine vollständige Rechnung aussieht, zeigt die Modellrechnung zur ersten Eigentumswohnung. Wie hier mit echten Fällen umgegangen wird, steht unter Wie eine Fallstudie hier entsteht.
Modellrechnung ohne reale Person und ohne reales Objekt. Kein Renditeversprechen. Diese Seite ersetzt keine Steuer-, Rechts- oder Anlageberatung.
Lieber vorher rechnen als hinterher verkaufen
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